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Künstliche Hüfte oder Knie: Wann lohnt sich die OP?

Was Patienten wissen sollten, wenn sie sich für ein künstliches Hüftgelenk oder ein künstliches Kniegelenk entscheiden
von Dr. Achim Schneider, aktualisiert am 03.01.2017

Gelenkersatz: Operationen für den Einbau von Knie- und Hüftprothesen sind häufig

Getty Images/Westend61, W&B/Szczesny

Hobbys, die aufgegeben, sport­liche Aktivitäten, die stark eingeschränkt werden müssen. Selbst kurze Wegstrecken machen zu Fuß Mühe. Jahrelange Knie- oder Hüftbeschwerden beeinträchtigen den Alltag. Wenn die Gelenke auch bei Ruhe schmerzen, verläuft nicht einmal der Schlaf erholsam.

Meist ist fortgeschrittener Gelenkverschleiß (Arthrose) die Ursache für solche Pein. Die schützende Knorpelschicht hat sich dann bereits so weit abgenutzt, dass Knochen auf Knochen reibt. Das tut nicht nur weh, sondern macht den Bewegungsspielraum immer kleiner. Schlimmstenfalls wird das betroffene Gelenk völlig steif.

Arthrose: Oft hilft künstliches Gelenk

Doch so weit muss es nicht kommen. Es besteht die Option, sich künstlichen Ersatz einbauen zu lassen. "Wenn alles gut geht, bringen Prothesen den Patienten schnell wieder mehr Lebensqualität", sagt Professor Heiko Reichel, Leiter der Orthopädischen Uniklinik Ulm und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC). Im besten Fall fühlt sich der Operierte so fit wie früher. Reichel: "Manche spüren nicht einmal, dass sie ein fremdes Gelenk haben."

Durch die zurückgewonnene Mobilität bleiben sogar die Gefäße länger gesund, zeigte eine Studie mit Menschen mit fortgeschrittener Arthrose. Wer sich für ein künstliches Hüft- oder Knie­gelenk entschied, hatte in den darauffolgenden sieben Jahren nur ein halb so großes Risiko für einen Herz- oder Hirninfarkt wie die Mitglieder der nicht-operierten Vergleichsgruppe. Grund: Die Patienten mit Prothese bewegten sich mehr und trainierten so auch ihr Herz-Kreislauf-System. Die Studie wurde im British Medical Journal veröffentlicht.

Künstliche Hüft- und Kniegelenke halten nicht ewig

Insgesamt 412 000 Hüft- und Knieprothesen bauten orthopädische Chirurgen 2014 in Deutschland ein. In 44 000 der Fälle handelte es sich um eine Wechseloperation. Das heißt, eine bereits vorhandene Prothese wurde durch eine neue ersetzt – komplett oder teilweise. Künstliche Gelenke funktionieren nur eine begrenzte Zeit.

Einer der Gründe, warum der Einbau nicht zu früh erfolgen sollte. Ist das ­­natürliche Gelenk noch einigermaßen intakt, sollte man versuchen, es möglichst lang zu erhalten – etwa durch ­gezieltes Muskeltraining, angepassten Sport und Physiotherapie. Schmerzmittel helfen über schwierige Phasen hinweg. Manchmal löst auch eine gelenkerhaltende OP das Problem. Etwa eine sogenannte Knochenumstellung. Dabei wird der Knochen so neu ausgerichtet, dass sich die schmerzhafte Reibung verringert.

Rund 44 000 Knie- und Hüftprothesen wurden im Jahr 2014 ausgetascht. Meist hatten sich die Implantate gelockert oder infiziert. Alle Gründe für Wechseloperationen zeigen die Grafiken.

W&B/Szczesny, Endoprothesenregister Deutschland

W&B/Szczesny, Endoprothesenregister Deutschland

Präzise Diagnostik erleichtert Entscheidung für oder gegen OP

Orthopäden erhalten durch Röntgenuntersuchungen Hinweise darauf, ob sich ein Gelenk noch retten lässt. "Doch ebenso wichtig ist es, dem Patienten beim Gespräch in die Augen zu sehen", meint Professor Carsten Perka, ärztlicher Direktor des Centrums für Muskuloskeletale Chirurgie an der Charité in Berlin. Nur so erfährt man, wie sehr die körperlichen Einschränkungen einen Menschen wirklich belasten. Der persönliche Leidensdruck ist für Fachärzte ein wichtiges Kriterium dafür, ob sie den Einbau einer Prothese empfehlen.

Bevor der Patient dann eine Entscheidung fällt, sollte er sich genügend Bedenkzeit nehmen und möglichst viele Fragen im Vorfeld klären. Perka: "Ich schicke jeden zunächst nach Hause, um sich alles in Ruhe zu überlegen – auch, ob ich der richtige Partner für ihn bin."

Klinikwahl: Zertifikate und Empfehlungen helfen

Doch wie findet ein Patient eine passende Klinik und einen guten Operateur? Reichel rät, sich als Erstes umzuhören, welche Einrichtung in der Region für Protheseneingriffe empfohlen wird. Weiterhin lassen sich viele Kliniken, die auf Qualität setzen, von der DGOOC als Endoprothetikzentrum ausweisen. Sie unterziehen sich dazu einer dreitägigen Begutachtung durch drei Experten. Nur wer die strenge Prüfung besteht, wird zertifiziert. Über fünfhundert solcher qualitätsgeprüften Endoprothetikzentren gibt es in Deutschland. Die Webseite endocert.de informiert über wohnortnahe Adressen.

Patienten, die sich für ein solches Zentrum entscheiden, können sicher sein, von einem routinierten Arzt operiert zu werden. Orthopäden, die die geforderte Mindestzahl von 50 Eingriffen pro Jahr noch nicht erreicht haben, dürfen diese nicht selbstständig durchführen. Reichel: "Wer es genau wissen will, kann seinen Arzt auch gerne direkt fragen, über wie viel Erfahrung er verfügt."

Professor Carsten Perka von der Universitätsmedizin an der Charité in Berlin

W&B/Andreas Müller

Register helfen problematische Produkte zu erkennen

Zertifizierte Zentren stehen auch in der Pflicht, alle wichtigen Daten dieser Eingriffe an das deutsche Endoprothesenregister zu melden. Es wurde vor zwei Jahren bundesweit eingeführt. Erste Analysen liegen vor. Etwa zu der Frage, aus welchen Gründen Prothesen ausgetauscht wurden (siehe Grafiken oben).

Doch Experten rechnen künftig mit viel weitreichenderen Erkenntnissen. Perka: "Mit dem Register wollen wir vor allem die Qualität der eingebauten Produkte erfassen, doch man wird auch die einzelnen Häuser miteinander vergleichen können." Dann wird ans Licht kommen, wo Patienten besonders selten Infektionen erleiden und welche Prothesen auffällig früh ersetzt werden müssen.

Bislang erfolgen die Meldungen an das Register nur auf freiwilliger Basis. Perka und andere Experten kritisieren das. Denn Länder wie Australien, Großbritannien und Schweden haben längst bewiesen, dass verbind­liche Register einen großen Nutzen bringen: Überall dort, wo sie eingeführt wurden, sank die Gesamtzahl von Prothesenwechseln. Langzeit­daten haben es hier ermöglicht, problematische Produkte frühzeitig zu erkennen und nicht mehr einzubauen – zum Beispiel, wenn Prothesen brachen oder sich schon nach wenigen Jahren lockerten.

Wissenschaftler haben bereits errechnet, was sich mit einem Pflicht-Register in Deutschland erreichen ließe: Jedes Jahr bliebe etwa 10 000 Patienten eine Wechseloperation ­erspart. Zudem würden die Kosten wegfallen – rund 100 Milionen Euro. Die Ergebnisse wurden vor wenigen Monaten in der Fachzeitschrift Gesundheitsökonomie & Qualitätsmanagement veröffentlicht.

Langjährige Register zeigen auch, was sogenannte Innovationen wirklich taugen. So enttäuschen die in Australien gewonnenen Erkenntnise zu Neuerungen bei Hüftprothesen. Von allen zwischen 2003 und 2008 eingebauten brachte keine einzige eine Verbesserung. Ein Drittel schnitt sogar schlechter ab als etablierte Produkte. Patienten sind also gut beraten, sich nach der Haltbarkeit (Standzeit) einer Prothese zu erkundigen. So gibt es künstliche Hüften, von denen nach zehnjährigem Einsatz immer noch 95 Prozent gut funktionieren. Perka: "Solch einem Produkt kann man zweifellos vertrauen."

Manche neue Produkte auch trotz weniger Erkenntnisse sinnvoll

Andererseits gibt es manchmal gute Gründe, auf ein Produkt zu setzen, für das es solche Langzeitdaten noch nicht gibt. Auf Kurzschaftprothesen für die Hüfte etwa. Sie zeichnen sich durch kleine Verankerungen im Oberschenkelknochen aus. Erhoffter Vorteil: Es bleibt genug natürliche Substanz übrig, um später eventuelle Austauschgelenke ebenfalls stabil im Knochen zu befestigen. Besonders wichtig ist diese Möglichkeit für Pa­tienten, die bereits in jungen Jahren ihre erste Prothese benötigen.

Auch beim Knie kann es sinnvoll sein, sich auf Neuerungen einzulassen. Denn der künstliche Ersatz für dieses Gelenk ist noch nicht so ausgereift wie bei der Hüfte. Bislang ist es noch nicht gelungen, mit Prothesen die natürlichen Kniebewegungen komplett zu imitieren. Das erklärt, warum viele Menschen ihr künstliches Kniegelenk als fremd empfinden.

Rund 82 Prozent sind damit vollständig oder zumindest einigermaßen zufrieden. Im Vergleich: Bei Hüftprothesen liegt die Quote bei etwa 92 Prozent. Diesem Wert will man sich mit technischen Veränderungen in Knieprothesen annähern. "Wir Ärzte müssen den Patienten jedoch klarmachen, dass wir uns davon zwar Verbesserungen erhoffen, dazu aber noch keine Daten haben", so Reichel.

Sport lohnt sich sowohl vor als auch nach der OP

Patienten können auch selbst viel dazu beitragen, um mit ihrer Prothese gut und lange zurechtzukommen. Denn erneuert wird nur das Gelenk. Für Bänder, Sehnen und Muskeln, die es bewegen, gibt es keinen Ersatz. Wer vor der OP sportlich aktiv war, hat gute Chancen, bald wieder sein altes Niveau zu erreichen. Bewegungsmuffel und Betroffene, bei denen das Gelenk schon versteift und die Muskulatur geschwunden ist, dürfen sich von dem Eingriff allein nicht allzu viel erhoffen – außer Schmerzfreiheit. Andererseits gibt es kaum einen besseren Anlass, um mit dem Training zu beginnen. Zunächst in der meist drei- bis vierwöchigen Rehaphase und später in eigener Regie. Reichel: "Das Argument, ich kann keinen Sport treiben, weil mein Gelenk so wehtut, zieht nach der Operation nicht mehr."



Bildnachweis: W&B/Szczesny, Endoprothesenregister Deutschland, W&B/Andreas Müller, Getty Images/Westend61, W&B/Szczesny

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